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Full text of "Heilig ist mir die Sonne: Montagsansprachen"

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f 





ßeilig ili mir die Sonne 

niontagsanfpradien 
pon Otto Sdiroeder 



IQf belpzlg 1901 B Drucfe und jQf 
(3 Verlag pon B. 6. Ceubner KS 



5. 5 



flttc Ridite, einldilic^di des flberfelsungsredils, vorbehotten. 



^ • « •• • • 



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Otflu 



Dem Hndenken 

Hefiujdis pon Stein 



368662 



3 B 



flUe Richte, einldiliegOdi des flberie(Minflsredi!s, vorbeholten. 









Ocflu 



Dem Hndenken 

HekuJdis pon Stein 



368662 



DIefe niontagsanfprachen lind herporgegangen aus Schulandachten, 
die der Perfalfer während der legten fflnf und zwanzig 9ahre, in 
regelmfi^^igem l^ecftfel mit den andern behrem, am Soachimsthalifchen 
Gymnaiium gehalten hat. Da die kleine Sdirift mit ihrem Reinertrag 
einer Stiftung an eben dielem Gymnalium dienen will, lo mOgen einige 
der hduslichen Hniprachen mit den unperiehens Aber die Pier l^finde 
des Schulhauies hinausgewachsnen zufammen in die l^elt gehn. 

Berlin, Ropember 1900. S. 



Das üitelbild giebt etwa in zwanzigfacher Perltleinerung einen Chriftus« 
Itopf wieder, den Friedrich Geieifchap Eflr die Hula des Soachims- 
thaler Gymnafiums gezeichnet und zur Qbertragung in IRofailt ausgemalt 
hat. €s ilt auE den erften Blick eine ^Wiederholung des Kopfes, der 
in gewaltiger HOhe faft perichwindend, den Triumphbogen der Kailer- 
\^iIhe(ms«Kirche ItrOnt. Die Rackficht auf die grO^re Rfihe und andre 
Crwfigungen haben ledoch mancherlei Perfinderungen herporgerufen. 

Der Bart und das niegefchome Haupthaar find dunitler und polier, 
die Zflge Itrfiftiger, und der Blick wflrmer und tiefer geworden. In 
wei^^em, nur an dem piereckigen Halsausichnitt dekoriertem üalar, einen 
weisen IRantef fchrfig übergeworfen, hfilt Chriitus in der Linken die 
Weltkugel, die Rechte ift erhoben. Die kryitallgrflne Weltkugel wird 
pon einem Ichlanken Kreuz flberragt, das auf ehernen, die Kugel kreuz- 
weis umfchUegenden, breiten Ringen feft pemietet ift: ein mannigfach 
porgebildetes, leicht perltfindliches Symbol. Buch die erhobne Rechte 
hat eine fange, in den Darftellungen des Weltenrichters perf olgbare 
Porgefchichte. Doch Ifigt fleh die Deutung der Gebflrde hier nicht ohne 
den Ausdruck des pon einer Kreuz -Aureole umrahmten Kopfes geben, 
und die Deutung des Gefichtsausdrucks widerum nicht ohne die Hand, 
Die Augen find nicht eines [leidenden, fondem eines gegen Unleid- 
liches fich Empörenden; fie haben tief ergriffen in troftlofe Wirklich- 



keifen, auch des eignen Herzens, geblickt: nun beginnen lie aus der 
Critarrung Hdi zu lOIen durch eine entichfolfen auf Entweder — Oder 
geitellte Frage. Die Bugen Und eine Kriegserklärung gegen alles felbit- 
zufriedne Chriftentum. 

Die erhobne, mit der FIfiche nach vom gekehrte Hand iit ganz ruhig. 
€s iit eine kraftooUe und feine Hand, nicht eines fauftballenden üitanen, 
ouch nicht eines legnenden Priefters, londern eines hilfreichen Freundes, 
der das Perdammungsurteil noch zurückhält. 

Der mund Ilt zum Sprechen geC^ffnet. l^as Ipricht er? 

Cs hie^^e fich verfflndigen an dem Kflnitler und an feiner Kunft, 
es hie^^e verfuchen den unerfchOpflichen Gehalt eines echten Kunftwerks 
in ein FIfifchchen zu fflilen, wenn man der großen niefodie ein üextlein 
unterlegen wollte, und wfir es einer pon 9efu tiefften Sprüchen. Sopiel 
fieht man wohl, das Wort, das diefe flippen fprechen, mu(| ein Wort Pon 
tiefen Hintergründen fein, ein weitausholendes, zwiefaches: Was di'e 
kryftallne Weit porm Zerfpringen fchü^t, ift ein Fragen, das 
bis in die Wurzeln der liebensfreude zittert, und eine Ant- 
wort, für die man bereit ift ein langes lieben einzufetzen. 



PI 



Hndadiien 



Sdiroeder, ülonfagsanlpradien. 



• •«••• •• " 



Im Hamen des Herrn 

Unfer Anfang lel im Hamen des Herrn', lo fpredien 
wir, weil es untere Väter thaten, und es prägt 
fidi darin aus ein frommer Braudi, der uns zu einer 
freundlichen Gewohnheit ward. So rufen wir aber auch 
in einem durch eigene Erfahrung erworbenen Glauben 
an eine höhere macht, ohne deren Hilfe all unfer Chun 
in nichts zerfliegt. 'Im Hamen des Herrn, der Himmel 
und Erde gemadit hat', fo rufen wir endlich, wenn wir 
im Kampf gegen Hlenfdientrug und Hlenfchenbosheit uns 
eins fühlen mit dem Seifte, der die Wahrheit und die 
klebe Ut. Doch wie leicht gefchieht es hierbei, dag wir 
Gottes heiligen Hamen mißbrauchen; fei es, daß wir 
ihn anrufen in gedankenlofer Gewohnheit ohne die Ur- 
fprfingllchkeit und Frifche der Empfindung, fei es ohne 
den thatfreudigen Ernft, der da fagt: Hilf dir felbft, fo 
hilft dir Gott, fei es ohne die Zurückhaltung, die fich dir 
gegenüber ziemt, du unbegreiflicher, ewiger Gott. Wie 
oft gefchieht es, daß Heuchelei und Crägheit und blinde 
beidenfchaft fich mit deinem Hamen fchmficken. 

Darum flehen. wir um einen geraden, gefunden und 
gewiffenhaften Sinn, dem es zuwider ift, Gott nur äußerlich 
zu dienen in Worten und Gebärden, der allein in wackrer 
Arbeit fein Genüge findet, der all unfer Fühlen und 
Wollen, unfer Haffen und bieben mäßigt, läutert, heiligt. 









Geduld 

TT^ir beginnen unfre Arbeit mit Gott und mit Gott legen 
rVwir He nieder. Wem das nidit blo^e Worte find, 
19er im innerften Herzen fühlt, da^ Gott nun audi mit 
ihm lü, der idiöpft aus diefem Gefühle was zu einer 
gedeihlidien Arbeit unerlA^lidi ift: Ruhe, innere Ruhe 
des Gemüts. Es Ift das nidit die einzige, audi nldit die 
hödifte Bürgerpflldit im Reidie Gottes — man kann audi 
gottlos fingen 'Wer nur den lieben Gott lügt walten' — 
aber rlditig beginnen und abfdilie^en kann man keine 
Arbeit, vollends keine geiftige, ohne den zwiefadien 
Glauben: Gott hilft allen, die ihm redlidi helfen wollen, 
und: was pon Gott Ift, wird beftehn. Das klingt dem 
Knaben nodi fremd, dem Ja Spiel und Arbeit nodi In- 
einander fliegen, der dann in plötzlldier Ungeduld Jede 
Entfdieidung befdileunlgen modite, die Früdite pflücken, 
ehe sie reif find, mit Ungeduld leidit audi den lieben 
Gott der Kindheit aus feiner Seele rei^t, ehe der Gott 
des [Hannes bei ihm Geftalt gewonnen hat. mit der 
wadifenden Kraft mindert fldi die Haft, edite Ixeidenfdiaft 
hütet Ihr Feuer wie ein Heiligtum, der reife [Rann Ift 
geduldig. Alles Gro^e Ift geduldig; audi 3efus war es, 
und unfer Gott Ift geduldig. Wer es alfo ernft mit fidi 
meint, der betet um ein geduldiges Herz, damit der koft« 
bare In Ihn gelegte Keim reif werde und Frudit trage 
zu feiner Zelt. 



nach des alten Kaifers Code 

eis die Craurigen, aber allezeit fröhlich' hie^ es in 
der Epiftei des geftrigen Sonntags, in einem um« 
faffendern Sinne und ausdrflckiidi auf alle Zeit bezogen: 
nun, in unfrer Crauer um den pon uns gefdiiednen 
Kaifer ift ein Zug der Freude. Die hohe Geftalt ift nun 
dahin, und wir werden fein blaues fluge nidit mehr 
grüben; dodi wo In dielen Cagen zwei oder drei Deutidie 
perlammelt find, da ift er mitten unter ihnen, und (o ilt 
er audi hier heute mitten unter uns. 3a, es Ut, als ob 
der Klang feiner Stimme audi heute wieder dielen Raum 
durditönte mit der IRahnung, die er por nodi nldit adit 
fahren, hier In diefem durdi Ihn geweihten Räume, an 
fein ^oadilmsthal riditete, feftzuhalten an dem Grunde, 
auf dem feine Vorfahren es erriditet hatten, dem Grunde 
dirlftlldier Gottesfurdit. Er durfte foldie [Rahnung aus« 
fpredien; denn er war ohne menfdienfurdit und ohne 
Falfdi und fudite nidit das Seine. Darum heftete fidi 
audi der Sieg an feine Fahnen, darum war Gott mit 
ihm, wie er mit Gott, darum wenden wir uns freudig 
und getroft zu dir, du ewiger Gott: Ixa^ audi In unfrer 
kleinen Welt fortleben den ritterlldien Gelft Kaifer Wilhelms 
mit feiner Gradhelt und feiner ungeheudielten Befdielden« 
helt, da^ wir uns feiner würdig zeigen, fo zugleldi deine 
wahren Diener, audi In beiden und Crflbfal. 



Bis ein SchOIer Och das beben genommen hatte 

Furcht ift nicht in der Ixiebe, fondern die pöülge 
Ixlebe treibet die Furcht aus'« Es glebt eine Art 
pon Ixlebe I die frellldi ohne Furdit llti well lie, ielber 
mattherzlg und lau, audi bei andern, auch bei Sott 
die lelbe VZeichmfltlgkelt porausfe^t. Zeigt fleh nun aber, 
dag dies eine CAufchung war, und dag Gott (Ich nicht 
Ipotten lagt, dann plögllch llt die Furdit da, die Jede 
wirkliche Gefahr Ins Ungeheure pergrögert« Oft genug 
Ift die Furcht noch eine hellfame Warnerln, die auch dem 
Crdgen Beine macht und dem Crflumer zuruft: Wachet 
Doch fchilmmer als dlefe porfibergehend das Herz des 
Weichlings umfchwebende Furcht por Schaden und Schande, 
por Krankheit und Cod, Ift eine andre, die heute feltfam 
um fleh greift, die Furcht por der Zukunft, die Furcht 
por dem gefunden Ixauf der Dinge, die Furcht porm 
lieben. Doch 'die polllge Ixlebe treibet die Furcht aus': 
wer nur einen IRenfchen ehrlich liebt. Ihn por Kummer 
und Rot bewahren. Ihn gifldillch lehn möchte. Ja wer auch 
nur fleh f eiber Hebt, mit Jener heiligen Ixlebe, die fleh 
der Unredlichkeit und der Feigheit fchflmt, der rafft fleh 
zufammen und rührt fleh, bis er fleh wieder In der 
Gewalt hat. So wAchft die Kraft und eine Freudigkeit 
f teilt fleh ein, die dem Cod und dem Ixeben gleich feft 
Ins fluge fleht. Wer dann, bei dem Verfuche zu thun, 
was er fleh fehuldlg Ift, erfahrt wie plel und wie wenig 
er permag. In deffen Bruft wird ein Gefühl aufkeimen, 
das alle Kraft helligt und alle Demut adelt: Ehrfurcht 
porm Ixeben. 



Der unDchtbare Kranz 

3eder pon uns kennt die Worte ^ in denen Paulus die 
Korinther an die Übungen und Entbehrungen er- 
innert, die [ich die WettlAuFer auferlegen, um eine per- 
gangliche Krone zu erlanglsn. Hudi die Krflnze, die wir 
im beben empfangen und perteilen, find pergdnglidi, 
Ixob und Anerkennung pon emften IRenfchen nach beftem 
Wiflen ausgefprochen — es find doch nur perwelkllche 
Kränze. Der da [prach: 'Die bebten werden die Erften, 
und die Erften die bebten fein^ der kannte nodi ganz 
andre Kränze. Wer reines Herzens ift, trflgt folch einen 
Kranz, wer redlich llt und wachfam, dag er nicht (ich 
felbft betrfige, wer einen graden Sinn hat und den IRut, 
der zu fcheinen, der er ift, gewinnt den unfichtbaren Kranz. 
Herr, unter Gott, wir alle, die wir hier perfammelt 
find, der neuen Woche unfern IRorgengrug zu bringen, 
wir alle wollen deinem Kranze nachjagen, auch der nach 
gewöhnlichen Begriffen Ixangfamfte unter uns darf fleh zu 
dlefem helligen Wettlauf anfchidien, plellelcht dag er der 
fluserwAhlten einer ift. Wir alle faffen deine treue Hand 
und perfuchen, fo weit es einem IRenfchen gegeben ift, 
in dein untrüglich fluge zu blidien und fprechen: IRach 
uns ftark gegen das Ixob der Welt; fchenk uns einen 
ftrengen Freund, dag er uns helfe ftreng gegen uns 
felber zu fein und unferm Wefen das Höchfte abzugewinnen, 
deffen es fflhlg Ift. 



Die €rnte llt grog, aber wenig find der Arbeiter 

Die Ernte llt grog, aber wenig Hnd der Hrbeiten 
Darum bitten wir den Herrn der Ernte, dag er 
Arbeiter in feine Ernte (ende/ Der Herr der Ernte, das 
ift der SdiöpFer Himmels und der Erden, dodi (eine Ernte 
ift hier nidit die in Feld und Weinberg, obwohl audi die, 
wie Jede Arbeit pon Gott ift: Diefe feine Ernte gefdiieht 
an ihenfdien, gefdiieht an unfern Seelen. Die meiften 
unter uns find nodi zu Jung, um felbftandig mitzuarbeiten 
an foldier Ernte; ohne Anleitung wiffen fie nidit ein nodi 
aus, fie f eiber find nodi Junge, grüne Saat; ihnen ziemt 
daher Unterordnung, Gehorf am, Vertrauen. Darum bitten 
wir den Herrn der Ernte, dag er ihnen den Sonnenfdiein 
herzlidier Zuneigung zu ihren Erziehern und Ixehrern in 
die Jungen Seelen fenke, damit fie fröhlidi der Zeit der 
Ernte entgegenreifen. Die älteren, auf die Ja die Übrigen 
gern hinblidien mit dem natfirlidien Streben, es ihnen 
gleidi zu thun, find fdion perantwortlidi Für das, was fie, 
durdi Beifpiel oder bewußte Einwirkung, in andern fdiaffen, 
ob Segen oder Fludi. Darum bitten wir den Herrn der 
Ernte, dag er ihnen gefundes Gefühl für Sdiam und Ehre 
ins Herz fenke, damit fie nidit zu SdiAdlingen werden an 
der Ernte des Herrn. Es ift eins der rOhrendften Worte 
3efu: 'Was ihr einem der Geringften meiner Brüder 
gethan habt, das habt ihr mir gethan.' 

Die hodifte Aufgabe, audi für den Ehriften, ift, fidi 
felber zu entfalten, fein leiblidies und geiftiges Vermögen 
nadi Kräften zu mehren, um es heute klug anzu- 
legen, morgen freudig zu opfern: im eignen Innern ift 

8 



unfer pomehmftes Saat- und Srntefeld. Hier llt der 
täglichen Unterianungsfflnden Ixegion, hier macht man 
[ich fähig oder unfähig zur Arbeit in der Ernte des 
Herrn. Wer an geiftigen Gütern Grundbefi^er ift, kann 
andern piei abgeben, und giebt gern ab. Diefer Befi^ 
kennt keinen Geiz; aber freilich hat er (eine Eitelkeit, 
und wer mit feinem Witten prahlt, gewohnt fich leicht 
das Weiterlernen ab, und wer gedankenlos fpricht 
'Wir haben die Wahrheit', der hat fie fchon perloren. 
So kommt es, da^ heut und immer gilt, was 3efus zu 
[einen ^fingern fprach: 'Die Ernte ift gro^, aber wenig 
find der Arbeiter'. 



Unfer 6ott 

es ziemt fldi für redliche Chrllten, wenn He ihr Tage- 
werk im Hamen Gottes auhiehmen, fidi zu beßnnen, 
wie He das meinen. 

Unfer Gott ist kein Gott roher Gewalt, dem blinder 
Gehoriam genügte; kein Gott der Rache, der [ich durch 
ein Wort, einen einzelnen Akt perföhnen lie^e, kein Gott 
des Raufches und des GenuHes, dem man in einer 
fchwarmerifchen Stimmung nflher kflme; er ift ein Gott 
der Hrbeit, aber wieder nicht blo^ einer gefchfiftigen, 
eifrig und ftflrmifch einem Ziel nachjagenden Hrbeit, fon- 
dern por allem einer unablflffigen, Äußerlich ruhigen, 
innerlich leidenfchaftlichen Arbeit am inwendigen nienfchen. 
Unfer Gott ift ein fittlicher Gott, ein Gott unbedingter 
Wahrhaftigkeit, unbedingter Hingabe. 3ede Heuchelei ift 
ihm ein Greuel, Jedes Chun mit halbem Herzen, Jede 
Scheinarbeit ift ihm perflchtlich. Hlenfchen laffen fich 
taufchen, fie blendet oder bringt wenigftens zum Schweigen 
der Erfolg. Aber fein untrügliches Auge ruht mit Wohl- 
gefallen nur auf dem ehrlichen Streiter, auch dem unter- 
liegenden, fein durchdringender Blick pernichtet den, der 
fich überhebt. 

Herr, unfer Gott, por dir beugen wir uns allefamt, 
Ixehrer und Schüler. Wir wollen zufammenhalten, einer 
des andern Ixaft mittragend, liebreich und befonnen, 
einander fördernd; fo pereint wollen wir zu dir halten, 
treu und mit Hingabe aller Kräfte Ixeibes und der Seele. 



10 



V7ir wollen eine Schule fein 

Gott ift ein Freund der flufftrebenden und Werdenden; 
auf alles, was fldi Fertig dflnkti hat er feinen Fluch 
gelegt Darum ift er auch ganz befonders ein Freund 
der Tugend, einer erwartungspoH empfänglichen, be- 
wegungsfrohen Tugend. In fie hat er feine Hoffnung 
gefegt, auf ihr ruht fein Uebend durchdringender Blidi. 
Was immer forgende IRfitter in nächtlichen Gebeten, was 
gedankenpoU VAter und Erzieher für diefe Tugend auf 
dem Herzen tragen, fie zu mdnnem zu bilden, zu auf- 
richtigen und wahrhaftigen IRenfchen, In feinem Herzen 
klingt es wider, fleh läuternd, feine Echtheit erprobend. 
Wenn wir hier nichts wollten als Kenntniffe Aber- 
Hefern, fo könnten wir Gott aus dem Spiel laffen, da man 
doch auch Kaufläden und Fabriken nicht mit Gebet er- 
öfhiet; aber wir wollen keine Unterrichtsanftalt, wir 
wollen eine Schule fein. Was wir fiier treiben pon früh 
bis fpät, es lohnte des Aufwands, es lohnte des An- 
fangens nicht, wenn es nicht zu dem einen Ziel hinfflhrte, 
einer adlichen Freude am beben, die aüe hochlten Kräfte 
diefes Ixebens entwidielt und fteigert, um dann dies köft- 
Uche Gut an etwas zu fe^en, was noch köftlicher ift. 
Vertrauen und Ixiebe zu dem Gott der flufftrebenden 
und Werdenden foll uns dazu helfen. 



11 



Die Bttlichen Pflichten find unendlich 

Unfer beben ftammt pon Gott; Ober unferm Werden 
und Vergehn wadit ein fluge, dds nldit fdiidft nodi 
fdilummert, an unferm Chun und unferm baffen Ift be- 
teiligt der Geift, der dlefe Weit erfdiuf, der durdi Cage 
und Stunden, der durdi die Jahrhunderte wandelt. Was 
Cag und Stunde von uns Fordern, tagt uns der Dienft, 
tagt uns die porgefdirlebne Pflidit; was darüber hinaus, 
pon der Welt ungefehn und ungelohnt, wir uns felber 
fdiuldig find, das tagt uns niemand, als wir felbft, und 
die uns zu uns felber bringen, unfre Eltern, unfre Ixehrer, 
unfer Gewiffen, unfer Gott. Unfer aller Dienft ift piel« 
fditig und fdiwer, und wenige find es, die por gerediter 
Prfihmg mit Ehren beftehn. Die fittlidien PFIlditen aber 
find unendlidi: im Verhalten zu den andern, in der Re- 
gierung feiner felbft, ift Jeder immerdar ein kernender; 
wer hier mit fidi zufrieden ift, der hat fidi felber ge- 
riditet. Wir wiffen aber audi, oder glauben es dodi feft, 
da^ du uns hilFft, wenn wir uns zu dir halten. So legen 
wir unfer Werk In deine Hand: des Schülers taftende 
Verfudie und des Ixehrers wohlerwognes Wort, por 
deinem Flammenden Blick eitel Stfldiwerk, fieh es gnädig 
an, und wenn wir Idffig werden wollen, Herr, perla^ 
uns nldit. 



12 



Vorworts 

TT^enn uns der IRai in die Fenfter lacht, fo blicken 
rVwir wohl hinaus und Iprechen: Ja, draußen im 
Walde (ich ergehen und feinen Schöpfer loben, das be- 
freit die Bnift, das erhebt die Seele, das ift auch ein 
6ottesdlenft( 6ut, es ift ein Gottesdienft; aber es Ift 
doch nur der triebartige, halb traumhafte aller lebenden 
Kreatur, im heften Falle: der Jugendliche Gottesdlenft 
eines fdhwdrmenden Gemflts. Oder wir merken auf und 
perfenken uns tiefer in die Geheimniffe des Ixebens 
draußen, der Sternenwelt droben, der IRenfchenwelt in 
großen Geftalten der Gefchlchte, und demfltigen uns por 
dem gewaltigen Gelft, der dies alles erfchuf und bewegt; 
das ift auch ein Gottesdlenft, das zwingt den Blldi zu 
Boden, da^ er bekenne: was Ift der IRenfch, da^ du, 
Herr, feiner gedenkeft? mit folchem GefflhI mag man 
Abends fleh niederlegen und rfidifchauend Dank fügen. 
Unfer IRontagsgottesdlenft heigt 'Vorwärts', unfre morgen« 
andacht lebt nicht pon Bewundern und Anbeten, nicht 
pon Demut und Zerknirfchung, fondern pon mut und 
ruhigem Vertrauen, pom Vertrauen zu dem Untergrund 
und Sinn alles Ixebens, den wir Gott nennen, Vertrauen 
zu denen, die mit uns leben und wirken, Vertrauen por 
allem zu uns felbft, zu unferm guten Willen und zu der 
Kraft, das, was wir reinen Herzens wollen, auch zu 
können. Und Gott Ift denen hold, die es ehrlich mit Ihm, 
die es ehrlich mit fleh meinen; aber — er wirft fleh auch 
nicht weg: wer Ihn nicht fucht, Ihn nicht In der Arbelt 
des Cages fucht, der wird Ihn nicht finden. 



13 



6ott und V7elt 

Zur gewohnten Stunde neigt fldi eine Sdiufgemeinde 
uor Gott und fflhit feine Rahe; dodi ift es nidit 
die nahe eines Zufdiauers, por deifen fluge man hin- 
treten, oder auch (ich perbergen könnte: in uns webt, 
durch uns, wir Hegen oder Fallen, wirket fein Geift« Wir 
wiffen nicht, wo er mit uns hinaus will, was er mit uns, 
mit diefem Weltall, mit unferm Volke, mit Jedem einzelnen 
pon uns im Sinne hat, wir wiffen es nicht; aber wie er 
hinauswill, wie er fich offenbart, das wiffen wir. 3eder 
pon uns hat es erfahren, in ftiller Arbeit, in emftem 
Ringen, in heilem Kampf. Es ift Weltgefe^, da^ fiberall 
das Vollkommne im Kampf erft fich redit entfaltet und 
alle feine Krdfte entfeffelt, im Kampf gegen die unreinen 
Elemente, mit denen es rings umgeben und innig per« 
wadifen ift. 3a, innig perwachfen: wir kennen keinen 
Geift ohne Körper, und Gott und Welt find ffir uns un- 
trennbar. Aber riidit wie fie ift, fondem wie zu werden, 
fie in ihren edelften Organen fidi fehnt, ift die Welt 
Gottes, und in dem ma^e, als fidi dies Sehnen in 
Arbeit und Kampf umfe^t, wird fie Gottes. Die Welt 
perachten und meiden, ift bequem, fie mit Worten per- 
aditen und dodi ganz in ihr aufgehn, ift gemein. Wer 
die Welt Oberwinden will, beginne, mit liebender Strenge, 
bei fidi felber; da wird ihm zuerft der Sinn des Wortes 

u 



aufgehn: 'Was pon Gott geboren llt, fiberwindet die 
Welt'« Wenn dies Jedoch nicht unfruchtbar bleiben foll, 
mug fogleich ein zioeites hinzukommen: die Welt fiber- 
i^indet nur, wer ihr feft ins fluge lieht« So hei^t denn 
unire Ixofung: Beten und Arbeiten, aber beides nicht, 
wie ElHg und Ol gefchieden, — das gflbe ein markloles 
Beten und ein leelenloles Arbeiten — , fondern eng auf 
einander bezogen wie Einatmen und Ausatmen; das erhält 
die SUeder frifdi und das Herz gefund. 



15 



Hier ilt 6ott 

Gott ift gegenwärtig'. Gott i[t fiberall und Itets gegen- 
wärtig. Sein Reich beginnt Ja nicht Jenieit des 
Grabes; feine Wohnung ift nicht über den Sternen; er 
ift unendlich, ein unendlicher 6elft, alles durchdringend, 
alles belebend, aber doch nirgends fo rein fleh wider« 
fplegelnd als in einem menfchengemflt, in einer menfchen- 
gemelnfchaft. Hier, In unferm gemeinfchaftllchen Gebet, 
fühlen wir lebhafter feine heilige flähe. In unferm Zw 
fammenleben, in unfrer gemelnfamen Arbeit, in der 
Freundfchaft zwlfchen Ixehrer und Schüler, hier kann wie 
nirgend auf der Welt ein Geben und Rehmen in polllg 
reinem Sinne gefchehn, ohne ein Hinfchielen auf Vorteil 
und äugern Gewinn, auf Ixob und £hre, allein in dem 
begludienden Gefühl zunehmenden Innern Reichtums, Je 
rüdihaltlofer man feine Seele hinglebt. Je aufrichtiger 
fleh der Schüler dem Ixehrer und der Ixehrer dem Schüler 
zur Verfügung f teilt. Run wohlan: wir wollen einander 
nicht Im Stiche laffen, wir wollen es redlich mit einander 
meinen; das fei unfer Ixolungswort Hir die kommende 
Wodie. 



16 



Hohes Begehren 

Huf die Frage, was wiflft du werden? antwortet der 
deutfdie Knabe wohl: Xbi Held', und denkt dabei 
an Seefahrt und Krieg. Was unterfdieidet den Helden 
pon andern Hleiifdien? ^Chriftus, uiiler Held', mag 
es uns zeigen: er lebte, was er lehrte, und Ott da« 
ffir Sdunadi und Cod. Was macht hier den Helden? 
Daf( er Gefahren und nifihen und den Cod nicht fdieut, 
wenn er nur — er lelber bleiben darf, daf( er aUo vor 
allem er felber ift und gegen eine Welt pon Feinden 
kämpfend und unterliegend fiber Jede Anwandlung pon 
Sdiwädie Sieger bleibt Cs ift eine Kraft weit mehr des 
Empfindens als des Denkens, die alles, was dem eignen 
Wefen zuwiderläuft, als Schmerz empfindet, andere 
Schmerzen faft nicht zu kennen fdieint. Ein Held, ein 
groger Hlann, kann nidit Jeder werden; es ift eine 
6nade pon 6ott, aber eine 6nade, die nidit perfdienkt 
wird, die mit dem heben bezahlt fein wiU« Aber ein ganzer 
mann, das darf Ddi Jeder pomehmen« Was das heigt, 
ein ganzer IRann, das bedarf nicht pieler Worte: fudiet, 
wie auch 3efus that, als er feine IRenfchenfifcher warb, 
fudiet die lieute bei ihrer Arbeit auf; da findet ihr mehr 
ganze IRänner, als wo fie IRenfchen, nun gar gebildete 
inenfchen zu fein behaupten. Ob einer ein ganzer IRann 
ift, das lieben forgt dafür, dag man es erfahre. 

Es glebt ein Alter, da ift es mit dem Werden porbel; 
es ift eine Zeit trauriger Unabänderlichkeiten. Die Tugend 

17 



Schroeder, montagsanfpradieii. 



hat den Vorzug einer lalt grenzenlosfdieinenden Empfäng- 
lichkeit und Blldfamkeit; und es fehlt ihr flberall audi nicht 
an foichen, pon denen fie empfangen ^ nach denen fie (ich 
bilden kann, im Bolen und im Guten; lie hat auch den 
großen Vorzug, dag fie im Ringen um die höchften Kränze 
ihre Anläufe öfter erneuen darf: Jedes Schuljahr, Jede 
Woche, Jeder Cag Itellt fo einen erneuten Anlauf dar« 
Auf denn: Zeige Jeder in feiner Arbeit, wie er es meint, 
ein ganzer Hlann zu werden. 



18 



Krönze und Brandmale 

Herr, unler 6ott. In deinem Hamen find wir hier 
und [teilen uns in deinen Dienst Wir willen es, 
du bilt mild und gfifig und gSnnll auch dem Perirrfen 
eine Frilt, lidi auf den rechten Weg zu bef innen. Aber 
wir wiffen auch, dag du fireng und wahrhaftig bill: du 
durchfchaull den Heuchler und perachtell den Schwfichling 
und perfagll ihnen jedes herzhafte 6ludi. HlSgen He die 
Welt und lieh noch lo erfolgreich tfiulchen: in ihrem 
innerlten Innern perlagit du ihnen Frieden und Freude. 
Tugend freut fich ihres Dafeins ohne allzulchwere 6e« 
danken, aber das kann fie auch perltehn, dag neben 
der Welt des fingeren, des fcheinbaren Erfolges eine 
andre des innem Gedeihens einhergeht. So begeben 
wir uns denn alle gern in deinen DienIt; der Ixohn, mit 
dem du lohneft, ilt unperlierbar: du halt Krfinze, die 
niemand fleht, wie du Brandmale halt, die niemand fleht. 
Herr unler 6ott, nimm uns alle gnfidig in deinen Schug, 
heute, wie alle Cage. 



1^ 



2* 



Das entfdieidende HIter 

In einer Sdiulgemeinde, wie der unfern, lind drei bebens- 
alter pereinigt, Knaben und Hlfinner und zwifdien 
ihnen foldie, die keine Knaben mehr und nodi nidit 
nifinner find. Die IHänner find hier, wie meift, die 
Gebenden, die Andern die Empfangenden. Was der 
Knabe empfangt, das pflegt er als felbftperftfindlidi hin- 
zunehmen; feinere 6effihte, wie Dank und Ixiebe — nun, 
ein gutgeartetes Kind ift audi für fie empffinglidi, aber 
es geht ihm nodi nidit tief. Der Knabe liebt por allem 
fidi, und das ift ganz in der Ordnung; auch im fpfiteren 
beben, daran darf man fidi nidit irre madien laffen, ift 
Selbftliebe, nur gehörig eingefdirdnkt, gelfiutert und da- 
durdi wieder unendlidi gefteigert, die Grundlage alles 
Guten. Wer kann denn feinen Rfidiften lieben, wie fidi 
feibft, wenn er fidi felber nidit liebt? Und fdilieglidi, um 
Andern etwas zu fein, mug man felber etwas taugen, 
um geben zu können, mug man haben, und wfir es nur 
ein Sdierflein; aber um gern und redit zu geben, mug 
man in den fahren des Gefühls etwas erfahren haben, 
was Ober das eigne Selbft hinausfuhrt. 

Freundfdiaft ift das Erfte, was hier der jugendlidie 
Sinn begreift, wonadi das erftarkende Herz fidi fehnt, 
Freundfdiaft im gemeinfamen Erleben der erften ftarken 
Eindrfidie und in gemeinfamer Arbeit am inwendigen 
nienfdien. 

20 



Wer den Knabenldiuhn entwadifen \lt, der foll wiflen, 
dag die 3ahre des werdenden Hlannes die entfdieidenden 
find für Art und 6edeihn der Hrbeit in der Welt, ent- 
fdieidend por allem für das Perhfiltnis des Einzelnen zu 
den Andern, der Seele zu ihrem 6ott. Was in diefen 
fahren nicht aufkeimt, das wfidist nicht mehr an, weffen 
Seele hier nicht tief atmen lernt, dag die Bruft fich weite 
und Raum gewinne, einen Hauch des Wefens zu faffen, 
das dem Kopf unfaßbar ift, der bleibt eben kurzatmig, 
ein trüber 6aft fein heben fang. 'Irret euch nicht, 6ott 
lagt fich nicht fpotten. Was der IRenfch ffiet, das wird 
er ernten \ 



21 



Weihnachten und Ottern 

Wenn man bei uns Umh^age hielte^ welches unter den 
chriltiichen Feiten wohl das hSchlte lei, welches auf 
das Geffihi jedes einzelnen wohl am mfichtigiten wirliei 
fo mfichtig^ dal^ man auf alle übrigen perzichten liönnei 
auf dies eine aber nicht, fo würde die Antwort lauten: 
'Weihnachten'« Und wenn man draul^en, unter den 
mannem des IRarktes und der Werhftätten, die Umfrage 
fortfegte, die Antwort bliebe: 'Weihnachten', Uns allen 
ift, feit Kindesbeinen, dies das ergreifendfte und liebfte, 
das fchlechthin unentbehrliche Feft, Die 6rande liegen 
eben in den Kindheitseindrfidien: grade der wind- und 
wetterumtofte IRann blidit in die liichter des Weihnachts- 
baums, wie in ein lang entfchwundnes 6Ifidi. 

mit der Religion, mit der nachfolge Chrifti, hfingt das 
nur lofe zufammen; religiös genommen foHte das Ofter- 
feft, foHte Charfreitag obenan ftehen. Hier zu allererft 
ahnt die fchaudernde Seele etwas pon dem Sinn des 
bebens: das liebliche Craumbild wird hier zum erfchfittern- 
den Emft. 

Aber laffen wir doch beide gelten: der Zugang zu den 
Herzen der IRenfchen ift perfchieden; und die fittliche 
Kraft der Freude wollen wir nicht unterfchfigen. Hur dem 
Heuchler, dem Feigling, dem WOftling, dem 6eizliragen 
und dem Heidhard, kurz, den entarteten Haturen find 
beide Fefte, ift alle Religion nichts als eine kurze Betfiubung 
der Höllenqualen, unter denen fie dahinleben; heilig ift 
ihnen weder Schmerz noch Freude. 



22 



Das Pater Unfer der POIIig-^rwadisnen 



TeAeioNAeecTiNHcrepeATPO^H 

Hebr. 5, U. 



es Ut ein tiefer Gedanke, der dem Sag der bibUfdien 
Sdiöphingsgefdiidite zu Grunde liegt: Und Gott fdiuf 
den nienfdien nach feinem Bilde« Aber auch die Um- 
kehrung hat guten Sinn: Und der Hlenfch fchuf, nach 
feinem Bilde , fich feinen Gott; der Graufame einen grau- 
famen Gott, der Feigling einen tyrannifchen, das Kfinftler- 
gemfit fchöne und groge Götter und des Hlenfchen Sohn 
den Pater der liiebe. Wer ein eignes Herz hat, der hat 
auch einen eignen Gott; fo auch die Pölker, auch die 
Zeiten mit eignem Geprfige. Der Gott, den wir Pater 
Unfer nennen, zu dem wir fprechen: 'Geheiligt werde 
dein Rame", ftammt pon 3efus; was neuen liebens poll 
feitdem hinzugewachfen ift, ftammt meift pon Deutfchen: 
pon liuther, pon Goethe, pon Schleiermacher, und aus 
weit und tief greifenden Kfimpfen der legten menfchen- 
alter« Den Pater des ewigen liebens perftandesmfigig 
zu begreifen, haben wir uns Ifingft entwöhnt; aber um 
fo fefter haftet das Perlangen nach ihm in unferer Seele, 
und, lebhafter pielleicht als je zupor, glauben wir heute 
auf Schritt und Critt einen Abglanz feines ewigen liichts 
zu fpOren« Wenn uns aber Jemand mit Porftellungen 
kommt, die ehemals wirkfam waren, doch uns heute 
fchlechthin nichts mehr find, fo halten wir ihm das kfihne 
Wort entgegen: Gott ift nicht ein Gott der Coten, fondern 
der liebenden« Heute, in einer pon Grund aus erneuten 

25 



Zelti des bebens in einem neuen Sinne froh geworden^ 
fpredien wir: 

Heilig ilt mir die Sonne. 

Heilig der IRutter Sdiol|. 

Heilig des Paters Kraft 

Heilig meines Polkes Art. 

Heilig mein Kind. 

Heilig Ift mir mein Selbft, meines Empfindens 

und Sehnens fieffter 6rund. 

Heilig der Schwächere. 

Heilig das Werden. 

Heilig die Hrbeit. 

Heilig jeder groge Schmerz. 

Heilig die Freude. 



26 



TT^enn wir beten: 'Dein Reich komme', fo wiffen wir, 
rVdag 3efus mit diefen Worten die damals geläufige 
Porfteliung perband pon einem nahen Weltgericht und 
einem darnach anbrechenden 6ottesreidi, das er fich cris 
ein idyilifches Reich des Friedens und der hiebe dachte. 
Ein folches Reich, darin es keinen Hal^ und keinen Krieg, 
keine Sorge und keine drfidiende Rot mehr gfibe, erfcheint 
uns heute femer gerfidit denn je. Wir glauben Unge- 
heuern Kämpfen, jedenfalls Ungeheuern flnltrengungen 
entgegenzugehen, nur um ehrlich uns, als einzelne und 
als natio|i, auf dleler Welt zu behaupten. Und wenn 
Kriege dereinlt aufhören lollten, Krieg in taufend 6e- 
Italten, piellelcht piel bSferen, weil heimlicheren, aber 
auch offnen Krieg, der flufftrebenden gegen unwürdige 
niachthaber, der wenigen Aufrichtigen gegen die Überzahl 
der Falfchen, wird es immer geben. Was kann da die 
Bitte 'Dein Reich komme' in unferm Hlunde bedeuten? 
3efus f eiber hat uns angeleitet, dies Reich auch ohne 
den Gedanken an einen pidglichen Umfchwung der Dinge 
zu perftehen, es por allem in uns zu fuchen, in dem 
Perhfiltnis der Seele zu ihrem 6ott. Hier, In dem ge- 
heimften beben untres 6emfites, liegt in der Chat ein 
fiberirdifches Reich, bepölkert mit den 6eftalten untres 
hSchften Wunfchens und Sehnens. Dag dies Sehnen 
nicht zur Schwfirmerei, dag der Perkehr der Seele mit 
ihrem 6ott nicht krank und hohl werde, dazu haben wir 

27 



ein nutfel: Hrbeit. Wo Arbeit ernit genommen wird, als 
geldiehe He im fluftrage eines unliditbaren Hleifters, 
dem man in Jedem Augenblicke Redienidiaft geben mug, 
da ilt fie lelber ein immerwahrendes Mlles 6ebet, und 
wer fein Hdit giebt, was Hndre por ihm und für ihn 
thaten, für ihn und an ihm thun, wie feine Hrbeit fidi 
tauIendffiUig auf Hndrer Porarbeit und redliche Hlitarbeit 
M^t, ja, wie ihm oft des 6egners ehrlicher Widerftand 
erft zu lieh f eiber perhalf, der mag etwas fchmedien pon 
einem Reiche der Ixiebe und des Friedens, das nicht er- 
trfiumt und nicht erbetet wird, das aber, in einer edeln 
6emeinfchaft, aus Ungemach und Rot, Ja aus Kampf und 
Krieg und herzhaftem Hag wie pon f eiber herauswächst. 
Wer nur nachfpricht, was ein andrer dachte, wer [ich gar 
begnügt, grob äußerlich das zu glauben, was ein andrer 
that, wer nicht in eigner, mit ganzer Seele gethaner 
Hrbeit in Kühnheit und Sieg, aber auch in Scham und 
Schmerzen 6ott erlebt, der weig nichts pon 6ott. 

Wenn wir alfo beten: *Dein Reich komme', fo heigt 
das: 'Herr, du haft Hrbeit noch für piele Hfinde; da er- 
trügen wirs nicht, mugig am IHarkte zu ftehn; drum 
nimm uns an zu Arbeitern in deinem Weinberg'. 



28 



nichts Ut im geiftigen heben, namentlich aber in der 
Religion geffihriicher, als fchal gewordene Wahr- 
heiten. Was einer blutenden Herzens, in Ichweren Kfimpfen, 
fich abgerungen, ein andrer Ipricht es nach, als wfirs ein 
Spiel« Wer kann ermefien, was 3e[us in 6ethlemane 
für Stimmungen durchlebte, bis er fich zu der Ergebung 
niederzwang: 'Doch nicht wie ich will, iondern wie iu\ 
Gottes Wille offenbart lieh nicht in den einzelnen 6e- 
Ichehnillen, die mit ihrem Ungeheuern Zufag pon Un- 
perftand falt immer geeignet find, jedes feinere GeffihI 
zu empören. Und felbft in dem großen Gang der Ge- 
Ichichte: jeder kleinfte Fortfehritt, mit wie Ungeheuern 
Opfern wird er erkauft. Grade wer es mit feinem Dienft 
am Reiche Gottes ernft meint, mug oft oder faft immer 
diefe feine Pflichterffillung mit feinem fieben oder feinem 
fiebensglfidie bogen. Der alfo untergehende Held erlebt 
es nicht mehr, was der Welt Gutes aus feinem Wirken 
und beiden erwfichst; nun foll er trog hundert gegen- 
teiliger Erfahrungen an den Sieg des Guten glauben? 
foll, wahrend er f eiber und fdieinbar mit ihm fein fiebens- 
werk, fein Gottesdienft perfinkt, die erbarmungslofe Kon- 
fequenz eignen oder fremden Chuns und fiaffens, oder 
den fiegreidien Widerftand der dumpfen IRenge und ihrer 
fdilauen Führer als gottgewollt hinnehmen und ohne 
Bitterkeit fpredien; 'Dein Wille gefdiehe'7 Wenn es ein 
Qberirdifches Wefen giebt, das mit menfdienfihnlidien 

29 



Empfindungen den Gang der Weit begleitet, fo Ift zu 
permuten, dag ihm der Hohn eines an feinem Gott irre 
werdenden Ulfirtyrers immer noch lieber ift, als die wohl- 
feile Ergebung des Philifters, der kein hohes Begehren 
kennt; Freilich haben fie pollkommen recht, die da tagen, 
wollen foll man nur das mögliche, nicht auch fogleich das 
WOnfchenswerte« Allein wer mit feinem Wollen fich nie 
permigt, die Grenzen des möglichen zu Oberfchreiten, 
wird fie kaum je erreichen, hinausrOdien niemals. Und 
hatte 3efus nur das damals mögliche gewollt, er wfire 
nicht ans Kreuz gefchiagen, wfir aber auch nicht Chriftus 
geworden« Er hat porzeitig, auf der Höhe des liebens, 
den auch ihm bittern Kelch des Codes trinken, hat darauf 
perzichten mfiffen, feine Sache fo durchzuführen, wie er 
es fich gedacht hatte; aber perforen gegeben hat er feine 
Sache darum nicht. Wer alfo in feinem Sinne, wenn ihm 
der Boden unter den Fügen wankt, beten will 'Dein 
Wide gefchehe', der mug, wie er, perzichten können, aber 
auch innerlich feft bleiben können, wie er. Rur wer an 
der Herbeiführung deffen, was er für Gottes Willen hfilt, 
bis an die Grenze feiner Kraft mitarbeitet, darf das 
Weitre dem anheimf teilen, der alles Gefchehens Seele Ift. 



30 



TT^eiui 9efus In Bezug auf die materiellen Güter des 
fVhebens nur um das tfiglldie Brot' bitten lelvte, 
wenn er auf die hilien des Feldes — fie arbeiten nicht, 
Qe fpinnen nicht — und auf die Pögel unter dem Himmel 
penoeift — fie ffien nidit, fie ernten nidit, fie fummeln 
nidit in die Sdieunen, — fo ift tdar, dag er fOr die kurze 
1^, die er der Welt nodi befchieden glaubte, Jeden Er« 
werb. Jede flnfammlung pon irdifdien 6iltem, Jede Arbeit 
zur Erhöhung des Wohlftandes und zur Peredlung des 
6enuffes perwarf« Wenn bei uns ein Ffirft, der fidi der 
Unfidierheit alles irdifdien Befitzes klug bewul^t ift, 
pielleidit nicht minder aufriditig als die Witwe, die nidit 
weig, wie fie ihre Kinder fatt madie, betet 'Unfer tfiglidi 
Brot gieb uns heute", fo ift das perftändlidi und er« 
greifend. Aber das Wefen der Bitte, das was an ihr 
für alle Zeiten und Perhfiltniffe gilt, ift damit nidit 
erfdiöpft. 

Wir find heute mit grögerm €mft als Je zupor darauf 
bedacht, den Wohlftand der Ration und der einzelnen 
Familien auf lange hinaus zu fidiem; in den Cag hinein- 
leben auf Koften der Zukunft, nennen wir kurzfiditig und 
gewiffenlos, nennen wir Raubbau, Uns ift der kauf« 
männifdie Beruf nidit etwa weniger heilig als ein wiffen- 
fdiaftlidier oder audi als der eines 6eiftlidien; perfiditlidi 
ift uns nur der Gelehrte, der mehr Gefdififtsmann ift als 
Sdiuler Piatons, und perhagt der hartherzige Phariffien 

31 



Und wenn 3e[us pon einem fdiledithin unheiOgen 
Hlammonsdienfte fpradi^ lo dachte er an einen Erwerbs- 
finn, der jede adlidie Regung des Herzens erffldit, an 
lahmende Sorge und dn 6eiz. Er liebte die Kinder und 
die h^öhlidi genießenden Hlenldien, er liebte in ihnen 
zugleich die h^Shlichen 6eber. Doch 'wer nicht arbeitet, 
foll auch nicht eilen', fflgte Paulus hinzu, der (ich auch 
rOhmen durfte, hart und Ichwer gearbeitet zu haben, ftolz 
in dem Bewugtlein 'eigen Brot' zu eilen. Paulus begriff 
die Rotwendigkeit ffir die armen, unter Griechen lebenden 
Gemeinden, (ich gerade nach dieler Richtung unftrfiflich 
zu halten; lo gewann er dem Jungen Chriftentum den 
großen Gedanken des auf eigne Fflße gelteilten Arbeiters, 
im Gegenlatz nicht bloß zu der Bettelhaftigkeit des 
Schmarogers, fondern ohne Zweifel auch zu der flrbeits- 
fcheu des Barbaren, der Jede Arbeit als Fluch empfand, 
in leilem Gegenlag gewiß auch zu 3elu königlicher Un- 
Ichuld; denn Unfer tfiglich Brot, im Sinne pon 'eigen 
Brot', wird man fchwedich betonen dürfen. Ffir uns ift, 
wie ffir 3efus, das Wefentliche an der Bitte, was nicht 
drin Iteht; wir beten nicht um irdifche Gfiter, wie Kinder 
um ein Weihnachtsgelchenk; wir beten mit 3elus um 
Innere Stfirkung (fo wird uns folches alles zufallen): in 
dem immer nur graulamer gewordnen Exiftenzkampf des 
hebens beten wir um einen Reit pon Kinderlinn, — damit 
wir nienichen bleiben. 



32 



Die Bitte 'Pergieb uns unfre Schuld, wie wir per- 
geben unfern Sdiuldlgern' macht den Frieden mit 
Gott abhfingig und zwar allein abhfingig pon der eignen 
Friedfertigkeit in der Welt, der Perheigung entfprechend 
'Selig find die Friedfertigen, denn fle werden Gottes 
Kinder hellten", und, in gewiffem Sinne, auch der andern 
'Selig find die Barmherzigen, denn fie werden Barm- 
herzigkeit erlangen". Ein Weiteres kommt hinzu, wenn 
3efus beim Anblick eines fich ihm ganz hingebenden 
Pertrauens fpricht: 'Deine Sunden find dir pergeben, dein 
Glaube hat dir geholfen'« Und wieder ein Heues in der 
Form einer Hlahnung: 'Geh hin in Frieden und fündige 
hinfort nicht mehr'. Diefe Gedanken nahm dann Paulus 
auf in der zwiefachen Richtung des Glaubens an die 
göttliche Gnade und des mutigen Kampfes gegen die 
eignen Schwachen; der felbe Paulus, der zuerft den fitt- 
lichen Wert der Hrbeit erkannte, und den wir uns nicht 
anders denken können als unermüdlich arbeitend und 
porwfirts ftrebend. 

Ziel und Weg fcheinen hiermit ffir alle Zeiten richtig 
beftimmt zu fein; und doch: wir wfiren pielleicht weiter 
In der Welt, wenn man den Friedensfehlug etwas erfchwert 
hatte. Dabei brauchen wir noch nicht zu denken an die 
mannigfachen Erleichterungen, die der mittelalterlichen 
Kirche zweckmäßig erfchienen; aber, friedfertig und per- 
föhnlich fein — es find doch nicht immer die heften, die 
dazu am fchnellften bereit find; und Barmherzigkeit Oben, 

33 



Sdiroeder, montagsonfpradien. 



ilt ein fdiöner, oft ein groger, Jedenfalls ein menfdi- 
lidier Zug, pertrfigt [ich indeffen auch mit Jeder Art 
pon Schwachherzigkeit; die dem Gläubigen fo [icher in 
flusficht ge[tellte 6nade 6ottes — wie manches lägt 
[ich daraufhin wagen, wenn man nur [chlieglich noch ein- 
lenkt. Der Kampf gegen das, was man gewöhnlich als 
Sfinde empfindet, wie leicht bringt er einen, nicht grade 
erbaulichen, aber doch recht unterhaltenden Wechfel mit 
[ich pon Fallen und flufftehn und wieder Fallen, pon 
entnerpendem [£eicht[inn und noch entnerpenderer Zer« 
knir[chung. Was [chui^t die[en wilden Kampf dapor, an- 
[tatt zu Wachstum und Fort[chreiten des innern nien[chen, 
pielmehr zur poUigen Zerrüttung der Per[onIichkeit zu 
fuhren? 3a, und felbft die Arbeit, wie oft ift [ie bloge 
Pielgefchfiftigkeit, in der man die bofen Geifter der Per- 
[uchung und der Reue wohl betäubt, aber nicht überwindet; 
wie oft Eitelkeit, die [ich, womöglich mit einem frommen 
flugenauffchlag, in ihren Erfolgen befpiegelt. Alles das 
[ind naheliegende und, wie die Erfahrung lehrt, piel- 
benui^te Schleichwege, auf denen man den Frieden mit 
Gott gewig nicht im Sinne der großen Porbilder 3e[us 
und Paulus erreicht, aber zu erreichen und erreicht zu 
haben [ich unichwer einbilden kann. Und das nennt [ich 
dann auch 'erlebte Religion'. 

Es liegt im Welen der menlchlichen Sprache, wie Jedes 
andern Kleides, im Gebrauche, pollends im lüiprauche, 
[ich abzunui^en: grade was einit am tiefften gefühlt war, 
klingt dann am hohlften. fluch Gedankengleile fahren 
[ich aus; [o bleibt dem Ernlthaften nichts andres übrig, 
als Begründung und Formulierung [einer Gedanken pon 
irgend einem neuen flusgangspunkte (elbst zu perluchen. 

In dem Kampf um das leibliche Dafein kann die Seele 
nicht ge[und bleiben ohne einen Re[t pon Kinderlinn; 

34 



Im [ittlidien beben Ut kein Raum für Kindesart« Wohl 
darf man fagen, das 6r0gte wird wieder in Kindesunfdiuld 
gethan; aber es ift eben wiedergewonnene Unfdiuld, das 
Zeichen hoher nieifterfdiaft. flis 3elus die Kindlein 
herzte und fegnete, that er es wahrlidi nicht als ein 
Kind: wen Unfchuld rührt, der kennt die Schuld. 'Da 
ich ein Kind war, fprach ich und fühlt ich und dacht ich 
wie ein Kind', fo fchrieb ein Pollig-Erwachsner. 

Der Knabe begehrt und hofft, fürchtet, pertraut, be- 
wundert noch ohne Wahl, und fplelt lüfinnerthaten; mit 
dem Eintritt der körperlichen Reife beginnt er zu unter- 
fcheiden und zu urteilen, und fühlt [ich gern das Saat- 
korn einer neuen Welt; der niann arbeitet. Den Knaben 
perlangt es zuerft nach einer Autorität, dann nach einem 
Helden, den in Sturm und Drang, in leidenfchaftlicher 
Verneinung und Bejahung des Überlieferten zu einem 
Selbft erwachsnen niann, [ich zu bethfitigen und gegen 
eine Welt pon Hinderni[[en [ich durchzulei^en oder doch 
zu behaupten. Auf der Jupenilen Stufe ftehn gebliebne 
Hlünner werden [elten alt, puerile werden es [ehr hrüh. 
Die Jupenilen perzehren [ich in Jagenden Plänen; die 
puerilen [ind [chon glücklich, Pon Andern aus Andrer 
Empfindungen Anemphmdnes nachempfinden zu können, 
und pollends [elig in dem 6edanken, dag ein Andrer 
ihnen ein für allemal abgenommen habe, was ihnen 
täglich zu thun und zu tragen oblag: nun haben [ie 
'Frieden' und Rirchten nichts [o [ehr, als ihres Ruheki[[ens 
beraubt zu werden. 

Zur pollen Reife kommt nur, wer feinen Beruf erkennt, 
wer [tetig handelt, wie ihm gemäg ilt, wer (ich [eiber 
treu bleibt und [ich eine Untreue gegen [ich [eiber nicht 
perzeiht. Und da Jede Berufsarbeit gemeinfame Arbeit 
i[t, in dem zwiefachen Sinne der Arbeitsteilung und der 

35 



3» 



von den Putern porbereiteten und ihren Söhnen hinter- 
lagnen Arbeit, (o ergiebt (ich weiter eine zwiefache 
Perpfliditung, gegen die Hrbeitsgenoilen und gegen das 
gro^e Werden, dellen der Einzelne nur ein Ceil ist. 
Alle diele Pflichten find unendlich; und es ist ausgefchloKen, 
dag der ernfthafte Arbeiter, der mit (einem Gott als mit 
feinem beffern Ich perkehrt, diefem gegenüber feine Per« 
fchuldung nicht auch als unendlich empfinden und be- 
kennen follte* 

Die Berufsarbeit ift, wie pon Jeher für die Exiftenz 
der nieiften, fo für die Seele des heutigen IRenfchen das 
tägliche Brot; aber auch die Seele des IRenfchen lebt 
nicht pom Brot allein: dem Sinn des bebens, dem Geilte, 
der untrüglich zwifchen Echt und Unecht fcheidet, perwandt 
und perbündet Rihlen darf (ich nur, wer, Itatt knabenhaft 
zu bewundern und Jünglingshaft zu fchwflrmen, genau 
weig, was er liebt und hagt. bieben kann der PoIIig- 
Erwachsne immer nur den Einzelnen oder die Einzelnen 
einer beftimmten Art. Solcher Art ift ihm der fittlich 
Hoherftehende: er weig, dag es diefem gegenüber keine 
andre Rettung giebt, als biebe. Solcher Art find ihm 
aber auch die Schwächeren: wo Hot ift, fpringt er zuerft 
herzu in dem einfachen Gefühl, nichts andres zu thun, 
als was fich Pon felbft perfteht. Doch wer auch nur einen 
nienfchen pon Herzen liebte, wer in ehrlichem Schmerz 
an eines Freundes Grabe ftand, der kennt die Klage 
um Jede unterlagne biebesthat, um Jede dem Geliebten 
fahrififfig geftörte Freude: bei Jeder folchen Rückfchau 
Hihlt man nur, was man dem Andern fchuldig blieb. 

Wie aber fteht der PöIIigreife zu dem fittlich Schwäche- 
ren, wie pollends zu dem perhagten Feinde? 

Die Bitte 'Pergieb uns unfre Schuld, wie wir pergeben 
unfern Schuldigern' begnügt fich nicht mit dem Pon Jedem 

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redlichen IRanne, ohne alles flrmenIfindergefOhl, gern 
abgelegten Schuldbekenntnis, noch mit Freudig perehrender 
Unterwerfung, und beruft (ich nicht auf einige Freund« 
Fchafts- und Samariterdienfte, fondern auf etwas piel 
Schwereres: wer He fpricht, ohne mit feinem Widerfacher 
oder Feinde im Herzen Frieden gemacht zu haben, der 
erbetet (ich felber das Gericht. Aber, gerechten Zorn 
und Hag aufzugeben wird dem Erwachsnen (chwerer als 
dem Knaben, heuchlerUch zu beten llt ihm unmöglich: 
was [oll er thun? 

Ehe 3e[us das 'Vater Unler' fand, hat er 'Hlein 
Vater' gebetet; eh er wugte, wie er den Brüdern helfen 
wollte, hat er [ich pon ihnen abgefondert. Er war, wie 
Jeder herzhaft liebende IRann, auch ein kräftiger Haffer; 
er hatte, eh er [ich felber fand, Verfuchung mancherlei 
erfahren, und eh er [ich eins wugte mit dem Vater, 
auch das 6efühl der Gottesferne erlebt. Rur der Kampf 
bewahrt die Kraft, aber ein ehrlich erkämpfter Sieg 
zeigt auch die ganze Gefahr. Solch ein Erlebnis ftimmt 
milde gegen alle, die den [elben Kampf zu kämpfen 
haben, und fomit, bei einer 3ahrtau[ende zu einem 
Sommertag perdichtenden PhantaHe, mild und liebreich 
gegen alles, was nienlchenantli]^ trägt. Ceilnahme an 
der gemein[amen Arbeit i[t Gnade für den Wer- 
denden, Ceilnahme an fremder Schuld ift des 
[ittlich Überlegnen freie Chat. 

Solche Heilandsnatur, fo [elten [ie in ihrer ganzen 
Herrlichkeit und in ihrer ganzen Cragik immer ericheinen 
mag, pon Grund aus per[agt i[t He keinem unter uns. 
Wo [ie [ich rein entfaltet, da erbebt in freudigem Weh 
das mark der Erde, und aus der Höhe fenkt [ich ein 
unlichtbarer Kranz hernieder auf das Haupt eines Ge- 
kreuzigten, der für feine Feinde und für fidi um Gnade 

37 



bittet. Aber im Kleinen wiedertiolt fidi doch der Porgang 
unter uns Jeden Cag. Der Pollig-Erwadisne, der in 
porObergetiender flblondening zu Fidi felber gekommen ist, 
wird nicht leicht den Splitter oder Balken in des Bruders 
fluge lehn, ohne zugleich . Holz pom felben Stamm in 
[einem eignen fluge zu [pflren. Der in fehlerem Ringen 
mit [ich [elb[t Eritarkte wird [ich der [ittlich Schwachem 
eher erbarmen, als die weichherzigen und wehleidigen 
Zuichauer des bebens; Ja nur er, der [ich das Recht 
erwarb zu einem itolzen 'Ich bin Ich', wird zu dem [itt- 
lich notleidenden [prechen können: 'Ich bin Du\ Ein 
kampfgeubter Fechter, [chfimt er [ich der Blößen des 
flndern zuerit, und ein ritterlicher 6egner, Heht er in 
dem Feinde [dion den zukünftigen Freund. 

mit [olchem Streiter iind die himmliichen Heerfcharen 
im Bunde: So lang er noch er ielber ift, io lang er nicht, 
auch in der Seibitüberwindung nicht [ich [elb[t perleugnet, 
hat er Frieden mit 6ott. Er darf mit gutem Gewiifen 
einitimmen in das Gebet des lüenichenfohnes: 'Pergieb 
uns unfre Schuld, wie wir pergeben uniern Schuldigern'. 



38 



Das beben ift eine groge Verfudiung; nicht zu reden 
pon Sdiwfidie und Hot, den hirditbaren Verfudie- 
rinnen: Hinter Jeder Kraft, Jedem 6enu|, Jeder Cugend, 
Jedem nodi fo heiligen Wollen lauert eine Schlange. Wer 
Qch hier fchlechthin Hcher wühnt, nach alter Erfahrung 
erliegt der am fchnellften. 

Die gefunde Ratur hegt in ihrem unbewußten Crieb- 
leben eine heilfame Waraerin: die Scham. Geläutert 
und gefteigert kehrt He auf hohem Cntwidilungsftufen 
wieder als Cakt. Wie bei der Scham die Furcht, fo über- 
wiegt bei dem Cakte der IRut. Illit diefem durch eine 
hellfehende Furcht temperierten IRut mag einer unge- 
fährdet fleh unter Schlangen bewegen. Wo aber die 
Scham gleichfam fauer wird, und man etwa aus Furcht 
por den fittlichen Gefahren des bebens befchlöHe dem 
lebendigen beben zu entfagen, da forge man auch, dag 
hinter der Weltflucht nicht doch wieder die Schlange 
perftohlener Weltgier zfingle, dag mitten in der Inbninft 
des BQgers nicht im geheimen Jede andre Brunft fich 
fchadlos halte. 

Den Glauben an die Verdienftlichkeit der flbtötung 
hat buther zerftort, doch man weig wohl, auch im epan- 
gelifchen Pfarrhaus, auch in der Sorge für die Zukunft 
der Kinder ringeln fich gleißende Rattern. Genug, 'Führe 
uns nicht in Verfuchung' ift wohl ein Gebet, das man 
nicht zu oft beten kann, und wenn man es fpricht, darf 

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man es fogleidi nodi einmal gefprodien denken, llt dodi 
Religion an fidi das zweifdmeidiglte Ding pon der Welt. 
Religion ilt Ja nicht Sittlichkeit, Religion ift Poefie, eine fehr 
ernfthafte Freilich, mit dem pollen Gefühl der Wirklichkeit; 
ift Fähigkeit auf einem Zaubermantel [ich Pon der armen 
Erde hinaufzufchwingen in einen Himmel poll feligen 
Friedens und hinab in eine Holle poll Heulens und 
Zfihneklappens, ift Fähigkeit dem Riegefehnen 6eftalt 
und dem Augenblick Dauer zu perleihn, mit einem [ifinglt- 
geftorbnen zu perkehren wie mit bebenden, und Ober 
beben und Cod hinaus eine Ewigkeit zu glauben, die 
dem Perftand unfa^ar ift. Aber wer kennt nicht die 
Gefahren diefer Fähigkeit, nicht die willenlahmende Wir- 
kung eines bebens in der Phantafie? Wer unterfcheidet 
nicht unter Dichtern und Kfinftlern die großen Hlenfchen 
pon den Virtuofen aller Art und den Phantaften? und 
wem find nicht widerum kluge und redliche lüfinner 
begegnet ohne einen Reft pon Poefie? So gab und giebt 
es brape, wenn auch nicht befonders tief angelegte 
Haturen ohne Religion, und religiös erregbare, fogar ftark 
erregbare Gemüter mit allen baftern behaftet. 

Der Doppelfinn des bebens bringt es mit [ich, dag 
wir nicht einen Schritt thun können, ohne dag der 
urfprünglich pielleicht reine Beweggrund in Gefahr wäre 
[ich zu perffilfchen. Und die edelften Früchte find dem 
Perderben am nüchften ausge[egt. Drum gilt es wachiam 
und wehrhaft fein, zuerit und zulegt gegen [ich [elbltt 
Aber auch die Strenge gegen [ich [elblt iit gefährlich, 
weil man dabei leicht perlernt, [ich zu lieben wie (einen 
nachiten und [einen Rfichiten wie [ich [elb[t. Darum iit 
es Gnade, in eine Gemeinichaft hineingeboren zu fein 
oder hinein zu wachien, in der man den einzelnen liebend, 
d. h. [o wie er iit liebend, fördert und duldet und warnt 

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und [traft, darum ift es Glück, einen Freund zu haben, 
der einem ebenbürtig und gegebnenfalls überlegen Ift, 
und es llt lieblich und grog, die aus der Furcht por [ich 
[elbft entfpringende Warnung in die Form eines Gebets 
zu kleiden, gefprochen als eine pertrauenspolle Bitte an 
den allmüditigen Herrn und gütigen Freund: 'Führe mich 
und alle, die pon ülüttern geboren find, Hihre uns nicht 
In Verfuchung". 



41 



HHe Bitten des unpergleidilidien 6ebets, das wir nadi 
[einen flnfangsworten das Pateninler nennen^ per- 
tragen, einige perlangen für unfer 6effi{il Umleitung in 
die Form pon Geboten; felbft die zweite, In der es fidi 
um Herbeiwfinfdiung eines utopifdien Weltzultandes zu 
handeln fdiien, in der tieferen, pon 3e[us felber ange- 
bahnten HuffaHung wendet He Hdi krflftig genug an 
unfre lüitarbeit: 

Glaub an einen Sinn des bebens. 

Um feinetwiUen lebe. 

Ehr ihn, audi wo du unterliegt. 

Sorge nicht 

Sei barmherzig, doch nicht mit dir Felber. 

Sei auf der Hut por dir. 
Alle Bitten alfo kommen auf eine Hlahnung hinaus, 
auf einen Porfai^, einen mutigen Entfchlug; nur eine, 
[cheint es, nicht, der Hotfchrei 'Erlöfe uns pon dem Über. 
Alle Bitten zeigen ein ruhiges, abgeklärtes Gelicht, 
[elMt die dritte, die Ergebung in einen übermächtigen 
Willen, [o [ehr auch in 3e[u IRunde und bei ]edem ernit- 
haften IRanne, der da weig, was er will, der kaum 
flberftandne fchwere Kampf nachzittern mag, felbft die 
Bitte 'Dein Wille gefchehe' atmet Frieden; nur die 
Debente ift und bleibt ein Seufzer aus fchwer bedrängter 
Bruft, ein Hilferuf, wenn uns der IRenfchheit ganzer 
Kammer anfaßt: wenn wir erleben, wie eines IRenfchen- 

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lebens, eines Haufes, eines Volkes 6lflck zerbirU, und 
wir nun in einen Abgrund pon Schwäche und Bosheit 
blicken, wenn in Jahrhundertelangem Kampf die Kraft 
der Beften Pergebens aufgeboten und die Welt auf dem 
alten Fleck zu ftehen fcheint, wenn auch der Gleich- 
mütigere und Hficfaterne fich nicht gelaffen ins Unper- 
meidliche ffigen, fondern einmal die Feffeln^ der gemeinen 
Wirklichkeit fprengen und ein Ungemeines, ein Erbarmen 
aus der Höhe, aus einer unbekannten, andern Welt, ein 
Wunder herabflehn möchte. So ift die Bitte gewi^ oft 
genug gefprochen worden. Bei häufigerer Wiederholung 
hreilich fchwinden die großen binien, das himmelftflrmende 
Gebet wird zum Blitzableiter, auch für kleinere Wetter, 
fchlieglich wohl gar zum hflbfchen Zierrat Hir ein hfibfches 
Haus. 

Wie aber, wenn ein bisher Gefunder und Starker, 
einer pon den Völlig -Crwachsnen, an dem Unperlier- 
barften, was er hatte, an feinem Selbft, unheilbaren 
Schaden litt? wenn er dem, was bisher ihm heilig war, 
in einem hirchtbaren Zwiefpalt mit fich f eiber, untreu 
ward? Wenn nicht die Buge fchlaflofer Hfichte noch die 
Arbeit der Cage und 3ahre ihm die Flecken pon der 
Seele wufchen? Was hrfiher ihm das Herz erhob, fein 
Werk und fein IRut, der Gedanke an die Seinen, an 
Vater und IRutter, der Anblick der goldnen Sonne — ihn 
hreut nichts mehr. Rur wieder und wieder wfilzt ihm 
graufam deutlich die Erinnerung alle Einzelheiten des 
Gefchehenen herum: wie es kam, wie es unpermeidlich 
kommen mugte — mugte? er ift nicht gewohnt, fich etwas 
porzumachen, Jegt aber ift fein Blick überfcharf; Ja, Jei^t 
erft glaubt er den Sinn des liebens pöllig zu durchfchauen: 
Unfinn des liebens möcht er ihn nennen! fo hat er Ja 
Ifingft fchon andre, Ifichelnd, fagen hören — in welche 

43 



• • • 



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• • 



• •, • • • 



GefelUdiaft llt er geraten? wie wird er hier einen Aus- 
weg finden? wird er etwa beten können: 'Erlole midi 
pon dem Über? zu wem fod er (o beten? — und [dilieglidi: 
darf er nodi beten? 

man zeigt ihm das Bild des 6ekreuzigten. ^a, 
einftmals nannt er ihn den pornehmften unter feinen 
gekreuzigten Brüdern; er war darauf gefaxt, audi ein- 
mal wie der da zu enden, er hatte fidi nicht beklagt. 
Aber Jei^t? darf er (idi mit ihm nodi in einem fltem 
nennen, der Unreine mit dem reinften der IRenfchen? 
dodi wie? hatte nicht 3e[us gebetet 'Erlofe uns pon dem 
Über? Bei diefem Worte uns legt es [ich dem gebrodhnen 
manne fanft wie pon einer Itarken Hand um den Hacken, 
und eine Stimme wie aus blutendem, aber pöllig ruhigem 
Herzen fpricht: 'Bruder, fieh mich an( auch ich ward pon 
einer mutter geboren: die Sflnden, um die ich litt und 
ftarb, es waren auch meine Sflnden; fo oft ich einen 
Bruder fflndigen fah, Rlhlt ich im tiefften Herzen mich 
der felben Sunde ffihig; das erhielt meinen Wandel rein, 
das linderte meinen Hag und meine Codesfchmerzen. 
So trugft auch du, Ifingft eh du die Chat gethan, die 
Sflnde in dir. He fchlummerte nur, nun ift fie grünlich 
erwacht. Aber fie wird weichen, wenn du ernftlich willft, 
und wollen wirft du, mein Bruder, wenn du hörft, dag 
auch ich, den niemand einer Sflnde zeihen kann, mich 
nicht beffer dflnke als du. 6ut ift Gott allein; wir find 
allzumal Kflmpfer, — nur perfchieden taphre". 

Solch ein Wort permag Wunder zu wirken. Wo eben 
kaum noch ein Funke pon mannheit glomm, lodert auf 
einmal die alte Kraft empor, höher und reiner pielleicht 
als Je, und die Freude kehrt zurflck und die ehrfflrchtige 
[liebe zum [leben, zu dem alten, ewig neuen Kampf gegen 
die [lacht: Heilig ift wieder die Arbeit, heilig die Sonne. 

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Inhaltsperzeidinis 



Seite 

Andachten i 

Im namen des Herrn 3 

Geduld 4 

flis der alte Kaiier geltorben war 5- 

flis ein Sdifller iidi das beben genommen hatte 6 

Der uniiditbare Kranz 7 

Die Ernte iit grog, aber wenig lind der Hrbelter ........ 8 

Unfer Gott 10 

Wir wollen eine Schule lein 11 

Die fittlidien Pflichten lind unendlich 12 

PorwArts 13 

Gott und Weit 15 

Hier iit Gott 16 

Hohes Begehren ...» 17 

KrAnze und Brandmale 19 

Das enticheidende fliter 20 

Weihnachten und Oftem 22 

Das Pater Unfer der Völlig -Erwadisnen 23 



47 



Perlag pon B. 6. Ceubner in beipzig. 

Otto Sdiroeder: 

Vom papiernen Stil. 

Vierte durdigefehene Auflage« 

[Piii u. 102 S.] gr. 8. 1900. 
geh, mk. 2.~; gefdimackpoll geb. Illk. 3.~ 



VC 43194 



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